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Aktuelles aus der Kirche

Kinder bleiben digital verbunden

Corona Die Mitarbeiter des Oberlin-Kindergartens versorgen ihre Schützlinge zu Hause mit Youtube-Videos / Notbetreuung sichert auch psychische Gesundheit
 
Wer momentan den Oberlin-Kindergarten besucht, betritt mit dem doppeltürigen Eingangsbereich eine Art Hygiene-Schleuse inklusive Desinfektionsmittelspender. Der Begriff „Hygiene“ ist in diesem Zusammenhang aber durchaus in seiner Gesamtheit anzuwenden. Der Duden schreibt dazu: Hygiene ist ein „Bereich der Medizin, der sich mit der Erhaltung und Förderung der Gesundheit und ihren natürlichen und sozialen Vorbedingungen befasst“.
Obwohl der Oberlin-Kindergarten aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 nicht im Normalbetrieb läuft, werden in der erweiterten Notbetreuung 16 von insgesamt 93 angemeldeten Kindern betreut. Dass es dabei nicht nur darum geht, berufstätige Eltern zu entlasten, sondern vor allem um die seelische Gesundheit der Kinder, wird im Gespräch mit Leiterin Cornelia Görres deutlich. „,Mama, mir tut das Herz so weh. Ich will so gerne wieder in den Kindergarten gehen.‘ Diese Sätze ihres Sohnes hat mir eine Mutter in einer E-Mail geschrieben“, erzählt sie und gibt damit nur ein Beispiel für das, was sich in vielen Familien abspielt.
„Die Kinder können durch diese Situation alle möglichen psychischen Probleme bekommen“, erklärt Görres, „der Zeitraum der Maßnahmen ist so lang, dass für sie überhaupt kein Ende mehr abzusehen ist. Dazu bekommen sie natürlich auch die Verunsicherung ihrer Eltern mit – die jetzt plötzlich viel zu Hause sind, aber trotzdem keine Zeit zum Spielen haben.“
Einen Anspruch auf Notbetreuung haben Kinder, deren Eltern in der kritischen Infrastruktur arbeiten und solche, bei denen beide Erziehungsberechtigte beziehungsweise die oder der Alleinerziehende einen „außerhalb der Wohnung präsenzpflichtigen Arbeitsplatz wahrnehmen und von ihrem Arbeitgeber als unabkömmlich gelten“, wie es in einer Verlautbarung des Kultusministeriums heißt. Ein weiteres Kriterium ist die sogenannte „Gefährdung des Kindeswohls“: „Auch, wenn es erstmal so klingt – damit sind nicht automatisch Fälle fürs Jugendamt gemeint“, betont Cornelia Görres, „einige Kinder reagieren einfach heftiger auf diese Ausnahmesituation – sind total überdreht oder plötzlich völlig verschüchtert, wieder andere bekommen hysterische Anfälle, Weinkrämpfe oder werden wieder total anhänglich.“
Kein Wunder, wenn man sich vor Augen führt, wie manche Erwachsene schon darauf reagieren, dass sich ihr gewohntes Leben in Teilen verändert hat. Für die Jüngsten der Gesellschaft steht die Welt derzeit eben erst recht Kopf. Was dagegen hilft, ist Struktur, wenigstens ein Hauch von Normalität in diesem neuen Alltag. Genau das wollen die Mitarbeiter des Oberlin-Kindergartens ihren Schützlingen geben – nicht nur denen in der Notbetreuung, sondern allen.


Täglich neue Basteltips online
Jeden Morgen um 9.30 Uhr wird deshalb ein Video auf dem eigens angelegten Youtube-Kanal veröffentlicht. Ob Bastelanleitungen im Stop-Motion-Stil, Traumreisen, Musikratespiele oder ein Gruß von Buddy, der Französischen Bulldogge – mittlerweile sorgen über 80 Videos für Abwechslung im Corona-Exil. Dass die Schließung des Kindergartens keine Untätigkeit bedeutet, war sofort klar, wie Leiterin Görres erzählt: „Ich habe meinen Leuten gleich gesagt: Wir haben genug zu tun, immerhin sind wir Mitarbeiter eine Bildungseinrichtung.“
Wenn eine neue Bastelanleitung hochgeladen wird, steht vor dem Kindergarten auch eine Kiste mit dem benötigten Material, aus der sich die Familien bedienen können. Dabei will die Einrichtung ihr Nachhaltigkeitskonzept (wir berichteten) nicht vernachlässigen: „Als die Bäume auf unserem Gelände zurückgeschnitten wurden, hat unsere Gärtnerin das Holz für uns in kleine Scheiben zum Basteln geschnitten“, erzählt Görres. Und die Osternester waren auch in diesem Jahr mit Papiergras und echtem Heu gefüllt.
Görres ist froh über ihr eingespieltes Team und den guten Kontakt zu den Eltern. Ein Vertrauensverhältnis, das erst einmal aufgebaut werden muss: „Ohne Klarheit geht da nichts“, erklärt sie, „sobald ich neue Informationen aus dem Kultusministerium habe, gebe ich sie an die Eltern weiter. Dabei ist es teilweise auch wichtig, dass wir neue Verordnungen erklären oder erstmal übersetzen.“ Diesem transparenten Umgang ist es wohl auch zu verdanken, dass es keine sorgenvollen Nachfragen oder Verunsicherung gab: „Die Eltern hier wissen, ich veräppel sie nicht“, sagt Görres. Gleichsam fühlt sie sich von der Regierung stellenweise alleingelassen. „Verordnungen, die ab Montag umgesetzt werden sollen, werden uns teilweise erst Sonntagabend mitgeteilt“, berichtet sie. „Mitunter hat man auch das Gefühl, die wissen gar nicht, wie ein Kindergarten funktioniert.“ Einerseits seien sie und ihre Mitarbeiter angehalten, keinen Mundschutz zu tragen, um die Kinder nicht zu verunsichern, andererseits sollten sie aber penibel darauf achten, dass alle immer mindestens 1,5 Meter Abstand zueinander hielten – ein Vorhaben, das spätestens beim Spielen im Garten unmöglich werde.
Fahren auf Sicht und Handeln nach Verstand heißt also die Devise. Mareike Weißbrod ist eine der betroffenen Eltern. Ihre vierjährige Tochter Sola besucht normalerweise den Oberlin-Kindergarten, ist aber seit Beginn der Eindämmungsmaßnahmen zu Hause. „In den ersten zwei Wochen haben es alle noch recht entspannt genommen – auch die Kinder“, erzählt sie. „Als dann die Osterferien kamen, begannen die Tage ein bisschen ineinander zu verschwimmen. Zum Glück durften wir uns draußen bewegen. Wir haben keinen Garten und ich will mir nicht vorstellen, wie es gewesen wäre, permanent nur drinnen zu sein.“

Endlich wieder Freunde treffen
Dennoch wurde es mit der Zeit schwieriger, besonders für Sola, deren Schwester schon in die zweite Klasse geht. „Kinder brauchen auch Kontakt zu Gleichaltrigen, mit denen sie Spielen können“, sagt Mareike Weißbrod, „das wurde in der jüngsten Zeit besonders deutlich. Man merkt wirklich, wie die Kinder lethargisch und traurig werden. Beinahe jeder Satz fing an mit ,wenn Corona wieder vorbei ist‘.“ Regelrecht aufgeblüht seien die Kinder, als sie nach der jüngsten Lockerung wieder ein anderes Kind treffen durften, auch in der Grundstimmung später zu Hause.
Mit der ab diesem Montag gültigen neuen Verordnung dürfen Kindertagesstätten ihre Gruppen bis 50 Prozent der eigentlichen Größe füllen – sofern die Gemeinde einem Antrag auf Notbetreuung stattgibt. Gut für Sola, dass sie ab Montag wieder den Kindergarten besuchen kann. Weißbrods Arbeitgeber ermöglichte ihr zwar größtenteils die Arbeit von zu Hause, möchte seine Mitarbeiterin aber langsam auch mal wieder im Büro haben. Ihr Mann ist selbstständiger Unternehmer und kann seine Firma nicht allein lassen. Die Voraussetzungen für eine Notbetreuung sind also gegeben.
Bislang hatten Weißbrods diese nicht in Anspruch nehmen wollen, um das Infektionsrisiko zu vermeiden, dass mit den täglichen Sozialkontakten in der Betreuung einhergeht. Mit stetig wachsender Sehnsucht nach ihren Freunden fiel es der vierjährigen Sola verständlicherweise immer schwerer, nur daheim zu sitzen.
Und wer weiß, vielleicht dauert es nicht mehr lange, bis alle Kinder wieder zusammen spielen können. Bis dahin bleiben ihnen immerhin die liebevoll gestalteten Videos der Oberlin-Mitarbeiter.
Info: Den Youtube-Kanal finden Sie unter „OberlinGoesOnline“ auf
https://www.youtube.com/channel/UCsfbNiij_4MPjHpVhTYXi3A
sb/Fotos: sb
 

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