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Spargelgemeinde Reilingen (Druckversion)

Ortsgeschichte

Wir berichten

Von Budaörs nach Reilingen (Erinnerungen von Anna Reger )( Teil 1 )

[Online seit 09.05.2012]

Anna Reger geb. Drixler
Anna Reger geb. Drixler
Unsere Leserin Anna Reger geb. Drixler (geb. 1926) aus der Uhlandstr. 25 meldete sich auf unseren Aufruf hin und berichtete uns, wurde sie als Heimatvertriebene 1946 schließlich in Reilingen landete. Sie lebte als Kind in Budaörs bei Budapest/Ungarn ( wie viele andere heute in Reilingen wohnende, heimatvertriebene Mitbürger ihrer Ortschaft.) Nach ihrer Grundschulzeit, bei strengen Nonnen als Lehrerinnen, wechselte sie nach Budapest und machte dort die mittlere Reife. Später arbeitete sie dort im "Deutschen Haus" (deutsche Verwaltung ) in Budapest, bis sie 1944 als "deutschstämmige" vor der russischen Armee fliehen musste. Sie wohnten außerhalb des Dorfes, Richtung des Berges, der "Türkensprung" genannt wurde. Das Dorf lag idyllisch zwischen Weinbergen und Feldern. Der Vater war bei der deutschen Armee und der Bruder Peter bei der ungarischen Armee. Der Bruder geriet in russische Gefangenschaft und sollte erst 1957 (!) seine Familie wiedersehen. Die Nachrichten über die anrückenden russischen Truppen bereiteten den Leuten im Dorf große Angst. Besonders den Frauen riet man, sich baldigst in Sicherheit zu bringen.
Mutter und Tochter fiel es unendlich schwer, 1944 alles aufzugeben und ohne Mann und Sohn das Haus und die Weinberge zu verlassen.
Anna brachte ihre Mutter mit einem Pferdewagen, obwohl sie es vorher nie gemacht hatte, mit wenigen Habseligkeiten zum Bahnhof. Sie gelangten über Umwege auf eine Gutshof Göllnitz (bei Altenburg, Thüringen). Dort arbeiteten sie als Stallpfleger und mussten auch melken. Sie kamen aus einer Gegend mit Weinbergen und hatten wenig Ahnung von der Viehhaltung. So erinnert sich Anna Reger, noch gut daran, dass sie von einer Kuh vom Schemel gestoßen wurde und die gesamte Milch über sie floss. ( "Ein Schönheitsbad hatte ich mir anders vorgestellt!" schreibt sie in ihren Erinnerungen.) Im Oktober 1945 wurden sie nach einer Anhörung von drei russischen Männern und einer Ungarin als "Schwaben" (und keine echten Ungarn) zurück nach Budaörs geschickt. Die andere Hälfte der Menschen kam nach Leipzig in ein Lager. Im Winter 1946 wurde ihr am Ortsrand gelegenes Haus nachts um 1.30 Uhr unvorbereitet von der ungarischen Polizei und von Soldaten umstellt. Innerhalb von zwei Stunden mussten sie ihre Habseligkeiten und die wichtigsten Papiere zusammenpacken und vor der Ausweisung die Schlüssel im Rathaus abgeben. Sie hatten vorsorglich auch Kleidung für den Vater und Bruder eingepackt. Sie schleppten dieses, in Säcken eingepackt, auf dem Rücken mit. Der Weg führte zum Bahnhof, wo sie in einen Viehwaggon verfrachtet wurden. Die Menschen weinten bitterlich, als der Zug in Richtung Deutschland abfuhr.
Sie waren eine Woche(!)unterwegs, bis sie endlich nach Passau gelangten und sich dort in der amerikanischen Besatzungszone sicher fühlen konnten. Nach der "Entlausung" wurden sie in Begleitung des ungarischen Militärs, ähnlich wie bei einem Gefangenentransport, nach Hockenheim gebracht, und dort am 19. Januar 1946 in einer Schule untergebracht. Es war eine klirrende Kälte. Doch waren sie froh und erleichtert, dass sie nicht nach Russland ausgeliefert worden waren. Gelegentlich kamen Einwohner aus Hockenheim in das Lager und luden junge Leute nach Hause zum Mittagessen ein. Dafür ist Anna Reger heute noch dankbar, und es sind bleibende Freundschaften erhalten geblieben. Als am 7. Februar 1946 die Bürgermeister der umliegenden Ortschaften in Hockenheim zusammenkamen, um die ihnen zugeteilten Flüchtlinge mitzunehmen, sollte sich für "Anni" Drixler, wie sie damals noch hieß, bald der Weg nach Reilingen ebnen...!
Anna Reger geb. Drixler in der zweiten Klasse mit Nonne als Lehrerin im Jahre 1934 mit etwa 50 Mitschülerinnen beim 50jährigen Jubiläum der Schule in Budaörs. Anni steht in der mittleren Reihe am Bildrand links, mit weißer Schürze)
Anna Reger geb. Drixler in der zweiten Klasse mit Nonne als Lehrerin im Jahre 1934 mit etwa 50 Mitschülerinnen beim 50jährigen Jubiläum der Schule in Budaörs. Anni steht in der mittleren Reihe am Bildrand links, mit weißer Schürze)

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